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Argumentationsgrundlage zur Post-Exertionellen Malaise (PEM)

Kurzüberblick zur Post-Exertionellen Malaise (PEM)

Evidenzbasierte Grundlage zur medizinischen und sozialrechtlichen Bewertung von ME/CFS

Stand:

 

Krankheitsdefinierendes Merkmal

Die Post-Exertionelle Malaise (PEM) ist das zentrale und krankheitsdefinierende Merkmal der Erkrankung Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). PEM wird in der Wissenschaft als eine verzögerte, prolongierte und multisystemische pathologische Reaktion auf minimale körperliche, kognitive, emotionale, sensorische oder orthostatische Belastung beschrieben. Diese Reaktion führt zu einer unverhältnismäßig schweren, teils irreversiblen Verschlechterung von Symptomen und Funktion.

 

Pathophysiologischer Mechanismus

PEM ist kein subjektives Symptom, sondern ein messbarer, multisystemischer Prozess mit Fehlregulationen in Energie-, Immun-, Nerven-, Kreislauf- und Muskelfunktionen. Charakteristisch ist das verzögerte Einsetzen (12 bis 72 Stunden) sowie die stark verlängerte oder ausbleibende Regeneration über Tage bis Wochen. Die pathophysiologische Reaktion unterscheidet sich grundlegend von Fatigue oder Dekonditionierung: Aktivität führt bei ME/CFS nicht zu einer physiologischen Anpassung, sondern zu einer fortschreitenden Fehlsteuerung der körperlichen Systeme mit anhaltender Destabilisierung der Erholungsprozesse.

 

Wissenschaftliche Evidenz

Internationale Referenzdokumente, darunter der D-A-CH-Konsensus (Hoffmann et al., 2024), das Bateman Horne Center (2025), die NICE-Guidelines (2021) und der IOM-Bericht (2015), beschreiben PEM als objektivierbare, pathophysiologisch begründete Reaktion. Studien belegen nach Belastung messbare Veränderungen in Energiestoffwechsel, Muskelfunktion, Immunaktivität, zerebraler Durchblutung und neuronaler Regulation.

 

Therapeutische und sozialmedizinische Konsequenzen

Da jede Aktivitätssteigerung den pathophysiologischen Prozess verstärken kann, sind belastungsorientierte oder provokative Verfahren (z. B. GET, Belastungstests) kontraindiziert. Empfohlen werden Energie- und Aktivitätsmanagement (Pacing, symptomkontingentes Ruhen, strukturierte Pausen).

Für die sozialmedizinische Beurteilung ist PEM das zentrale Kriterium zur Bewertung von Funktions-, Arbeits- und Rehabilitationsfähigkeit. Ohne den Nachweis von PEM kann keine valide ME/CFS-Diagnose gestellt werden.

 

Bewertung im Gutachtenkontext

Eine sachgerechte Einschätzung erfordert die Berücksichtigung der zeitverzögerten, disproportionalen und kumulativen Belastungsreaktion. Kurzzeitbeobachtungen oder standardisierte Leistungstests bilden das tatsächliche Funktionsniveau nicht ab. Maßgeblich ist die funktionelle Belastungstoleranz im Verlauf von Stunden bis Tagen nach Aktivität.

 

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Argumentationsgrundlage zur Post-Exertionellen Malaise (PEM)

Eine evidenzbasierte Grundlage zur medizinischen und sozialrechtlichen Bewertung im D-A-CH-Raum

 

1. Was ist PEM?

1.1 Definition

Die Post-Exertionelle Malaise (PEM) ist das krankheitsdefinierende Merkmal der Erkrankung Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Die Wissenschaft beschreibt PEM als eine verzögerte, prolongierte und multisystemische pathologische Reaktion, die nach minimaler Aktivität zu einer unverhältnismäßig schweren und langanhaltenden Verschlechterung von Symptomen und Funktion führt.

Diese Definition entspricht den aktuellen klinischen Konsens- und Referenzdokumenten, darunter dem D-A-CH-Konsensuspapier (Hoffmann et al., 2024), dem Clinical Care Guide des Bateman Horne Center (2025), den NICE-Guidelines (2021) und dem Bericht des Institute of Medicine (IOM, 2015).

 

1.2 Klinische Charakteristika

Diese belastungsinduzierte Reaktion wird umgangssprachlich als Crash bezeichnet. Als praxisnahe Schwelle wird in der Wissenschaft häufig eine Mindestdauer von 14 Stunden verwendet. Typisch ist ein verzögertes Einsetzen nach 12 bis 48 Stunden, teils bis zu 72 Stunden, gefolgt von einer prolongierten Verschlechterung von Symptomen und Funktion. Während eines Crashs ist die Regeneration stark verlangsamt oder bleibt ganz aus. Dadurch kann es zu einer anhaltenden und möglicherweise irreversiblen Verschlechterung des Gesamtzustands kommen.

Die Schwere der Reaktion steht in keinem Verhältnis zur Intensität der Belastung, was auch durch internationale Leitlinien, darunter NICE (2021) und das Institute of Medicine (2015), bestätigt wird.

Als Auslöser können körperliche, kognitive, emotionale, sensorische oder orthostatische Belastungen wirken. Schon minimale Reize wie Licht, Geräusche, Temperaturveränderungen oder eine aufrechte Körperhaltung können einen Crash hervorrufen.

 

Hinweis: Der Begriff Belastung bezieht sich hierbei nicht auf Anstrengungen, wie sie von gesunden Menschen empfunden werden. Für Menschen mit ME/CFS umfasst er auch alltägliche Aktivitäten, Ereignisse oder subtile Reize wie Licht, Geräusche oder andere sensorische Einflüsse, die bereits eine erhebliche Beanspruchung darstellen können.

 

Diese klinischen Charakteristika decken sich mit den Beschreibungen im D-A-CH-Konsensuspapier (Hoffmann et al., 2024) und dem Clinical Care Guide des Bateman Horne Center (2025).


2. Der Mechanismus PEM

PEM ist kein subjektives Symptom, sondern ein messbarer, multisystemischer pathophysiologischer Prozess. Nach den bereits in Abschnitt 1 beschriebenen minimalen Belastungen zeigen sich Fehlregulationen in Energiehaushalt, Kreislauf-, Immun-, Nerven- und Muskelfunktionen.

 

Die pathophysiologischen Kernprozesse von PEM lassen sich nach aktuellen internationalen klinischen Konsens- und Referenzdokumenten – darunter dem Bateman Horne Center (2025), dem Institute of Medicine (2015) und dem D-A-CH-Konsensuspapier (Hoffmann et al., 2024) – in drei funktionelle Säulen gliedern:

  1. Gestörter aerober Energiestoffwechsel mit erniedrigter anaerober Schwelle und messbarem Abfall von VO₂max und Arbeitskapazität in wiederholten Belastungstests (2-Tage-CPET).
  2. Neuro- und Immundysfunktion, gekennzeichnet durch erhöhte Zytokinspiegel nach Belastung sowie autonome Dysregulationen mit gestörter Durchblutung und Perfusion.
  3. Oxidativer und metabolischer Stress, der mitochondriale Fragmentierung, Energiemangel und verzögerte Wiederherstellung physiologischer Homöostase bedingt.

Diese Mechanismen führen zu einer verzögerten und kumulativen Reaktion:

Auf eine anfängliche Kompensation folgt eine systemische Dysregulation von Energieproduktion, Kreislaufsteuerung und Immunantwort, wodurch die Erholung auch in Ruhephasen ausbleibt. Die muskuläre Dysfunktion stellt dabei ein zentrales Korrelat des gestörten Energiestoffwechsels dar und erklärt die anhaltende Entkräftung nach Belastung.

 

Internationale Leitlinien und klinische Konsenspapiere – darunter NICE (2021), IOM (2015), das Bateman Horne Center (2025) sowie der D-A-CH-Konsensus (Hoffmann et al., 2024) – bestätigen PEM als pathologische, verzögerte und systemische Reaktion auf Belastung und grenzen sie klar von unspezifischer Fatigue oder Dekonditionierung ab.


3. Die vier Merkmale der PEM

PEM ist ein multisystemischer Mechanismus, der sich in vier eng miteinander verflochtenen Merkmalen manifestiert. Sie beschreiben unterschiedliche funktionelle Dimensionen eines einheitlichen pathophysiologischen Prozesses und dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Sie beeinflussen sich gegenseitig und bestimmen gemeinsam die Dynamik der Erkrankung.

 

Die im D-A-CH-Konsensus-Statement (Hoffmann et al., 2024) beschriebenen Kernaspekte bilden die Grundlage der medizinischen Einordnung von PEM. Auch internationale klinische Konsens- und Referenzdokumente, darunter das Bateman Horne Center (2025), das Institute of Medicine (2015) und NICE (2021), bestätigen die funktionelle Mehrdimensionalität von PEM und betonen die enge Verflechtung physiologischer, immunologischer und neurologischer Reaktionsmuster.

 

Wichtig: PEM ist nicht nur Belastungsintoleranz, wie sie auch bei anderen Erkrankungen vorkommen kann. Während sich die Folgen einer Belastungsintoleranz in der Regel durch Training oder Ruhe bessern, ist dies bei ME/CFS nicht der Fall. Aktivierung führt hier zu einer pathologischen Reaktionskaskade, deren Regeneration selbst gestört ist.

 

Der Begriff Belastungsintoleranz wird im klinischen Sprachgebrauch häufig synonym mit PEM verwendet, darf bei ME/CFS jedoch nie isoliert betrachtet werden. Die gestörte Erholungsphysiologie führt zu disproportionalen und teils anhaltenden Verschlechterungen, die das funktionelle Gesamtsystem betreffen.

3.1 Die Merkmale im Überblick

 

  1. Belastungsintoleranz
    Belastungsintoleranz bedeutet bei ME/CFS die Unfähigkeit, selbst minimale Auslöser (körperlich, kognitiv, emotional, sensorisch oder orthostatisch) ohne Verschlechterung zu tolerieren. Schon geringe Reize wie Licht, Geräusche, ein kurzes Gespräch, Stehen oder Gehen können eine Verschlechterung auslösen. Im Unterschied zu anderen Erkrankungen bessert sich das nicht durch Ruhe oder Training, weil die Regeneration selbst gestört ist. Die Belastungsintoleranz ist damit nur eines der vier PEM-Merkmale und steht am Beginn der Reaktionskette, die zu Symptomexazerbation und Zustandsverschlechterung führen kann.

    Das Bateman Horne Center (BHC) beschreibt diese Reaktion als „inability to tolerate exertion without symptom amplification or physiological destabilization“ (BHC, 2025), was den pathologischen Charakter dieser Intoleranz unterstreicht.

  2. Symptomexazerbation
    Die Symptomexazerbation beschreibt eine spontane oder zeitverzögerte Verschlechterung bereits bestehender sowie das Auftreten neuer Symptome nach selbst minimaler Belastung. Diese Reaktion kann innerhalb weniger Stunden oder erst nach bis zu 72 Stunden einsetzen und betrifft meist mehrere Körpersysteme gleichzeitig. Die Symptomexazerbation ist nicht auf einzelne Organsysteme begrenzt, sondern systemisch übergreifend und verläuft disproportional (BHC, 2025).

    Das Spektrum reicht von grippeähnlichem Krankheitsgefühl, Schmerzen und gestörtem Schlaf über Kreislaufdysregulation und kognitive Einbrüche bis hin zu starker Licht- oder Geräuschempfindlichkeit. Ein Auslöser führt dabei nicht immer zu denselben Symptomen. So kann Licht an einem Tag Kopfschmerzen verursachen und an einem anderen Tag Übelkeit oder kognitive Fatigue hervorrufen.

    Die Symptomexazerbation verdeutlicht, dass PEM keine lineare Reaktion auf Belastung ist, sondern eine komplexe Fehlregulation des Zusammenspiels von Immun-, Nerven-, Kreislauf- und Energiesystem.

  3. Generalisierte Zustandsverschlechterung
    Die generalisierte Zustandsverschlechterung beschreibt eine anhaltende Absenkung des gesamten Gesundheitsniveaus nach wiederholten oder zu intensiven Belastungen. Der Körper kehrt nicht auf das frühere Funktionsniveau zurück. Jede neue Überlastung kann das Basisniveau weiter nach unten verschieben, sodass sich über die Zeit eine kumulative Verschlechterung ergibt.

    Diese Entwicklung kann schleichend entstehen, wenn viele kleinere Episoden der Überlastung (Flare-Ups) aufeinander folgen. Sie kann aber auch plötzlich auftreten, etwa nach einem schweren Crash. Beide Verläufe beruhen auf demselben pathophysiologischen Mechanismus. Jede Aktivierung führt zu Fehlanpassungen in den Kreislauf-, Energie- und Immunfunktionen, die sich mit der Zeit verstärken.

    Die generalisierte Zustandsverschlechterung zeigt damit eine anhaltende Störung der physiologischen Regulation und Energieverfügbarkeit. Sie prägt den Krankheitsverlauf maßgeblich und kann zu einem dauerhaften Funktionsverlust führen.

    Das Bateman Horne Center (2025) beschreibt diese Entwicklung als „cumulative physiological dysregulation“, also als fortschreitende systemische Dekompensation nach Belastung.

  4. Physiologische Aktivitäts- und Erholungsdysfunktion
    Nach Aktivität oder Belastung kommt es nicht zu einer angemessenen physiologischen Regeneration, sondern zu einer überproportional starken, verzögerten und langanhaltenden Reaktion. Der Körper reagiert auf Anstrengung auch während nachfolgender Ruhephasen nicht mit Erholung, sondern mit einer pathologisch fehlgesteuerten Antwort, die Energieverbrauch, Durchblutung, Immunreaktionen und neurovaskuläre Regulation betrifft.

    Diese Dysfunktion erklärt, warum aktivierende Maßnahmen oder Belastungssteigerungen kontraindiziert sind. Sie macht zudem deutlich, dass bei ME/CFS nicht die Aktivität das alleinige Problem ist, sondern auch die gestörte Erholungsphysiologie, die jede weitere Belastung in eine Verschlechterung umwandeln kann.

    Internationale Referenzdokumente, darunter NICE (2021), IOM (2015) und das Bateman Horne Center (2025), warnen ausdrücklich davor, Aktivierung als Therapieprinzip einzusetzen, da jede Belastungssteigerung das Risiko einer pathologischen PEM-Reaktion birgt.

3.2 Fazit

Die vier Merkmale von PEM beschreiben die funktionellen Dimensionen eines einheitlichen pathophysiologischen Mechanismus. Belastungsintoleranz markiert häufig den Ausgangspunkt der Reaktionskaskade und kann eine Symptomexazerbation auslösen, die in eine generalisierte Zustandsverschlechterung übergeht, während die gestörte Erholungsfähigkeit eine Rückbildung verhindert.

 

Die Merkmale sind eng miteinander verflochten. Sie können gleichzeitig auftreten, sich gegenseitig verstärken und bestimmen gemeinsam das charakteristische Muster der Belastungsreaktion bei ME/CFS. PEM beschreibt eine Fehlanpassung des gesamten Organismus mit Hypersensitivität, Symptomverstärkung, Funktionsverlust und unzureichender Regeneration.

 

Diese Mehrdimensionalität und systemische Fehlregulation werden sowohl im D-A-CH-Konsensus (2024) als auch in den internationalen Referenzdokumenten (IOM 2015; NICE 2021; BHC 2025) übereinstimmend hervorgehoben.


4. Kurz-Historie

PEM wurde 2003 in den Kanadischen Konsenskriterien (Canadian Consensus Criteria, CCC) erstmals als zwingendes diagnostisches Kriterium für ME/CFS definiert.

 

2011 führten die Internationalen Konsenskriterien (International Consensus Criteria, ICC) den Begriff Post-Exertional Neuroimmune Exhaustion (PENE) ein, der den zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismus genauer beschreibt.

 

Die National Academy of Medicine (IOM-Bericht 2015) stellte klar, dass ohne PEM keine valide Diagnose von ME/CFS gestellt werden kann.

 

Das Clinical Care Guide des Bateman Horne Center (2025) fasst diese Entwicklung als internationalen Konsensstand zusammen und beschreibt PEM als zentralen und messbaren pathophysiologischen Mechanismus von ME/CFS.

 

Das D-A-CH-Konsensuspapier (2024) überträgt und präzisiert diese Definition für den deutschsprachigen Raum und bekräftigt PEM als zentrales Merkmal der Erkrankung (Carruthers et al., 2003; Carruthers et al., 2011; IOM, 2015; Hoffmann et al., 2024).


5. Diagnostische und methodische Aspekte

PEM gilt in allen maßgeblichen Falldefinitionen als zentrales Merkmal bzw. Kernkriterium von ME/CFS (Carruthers et al., 2003; IOM 2015; Hoffmann et al., 2024). Die Erfassung erfolgt über validierte Fragebögen (z. B. DSQ-PEM) und risikoarme Verfahren wie die wiederholte Handkraftmessung. Fragebogengestützte Verfahren wie der DSQ-PEM sind hilfreiche Screening-Instrumente, ersetzen jedoch nicht die klinische Diagnostik und dürfen weder allein zur Diagnosestellung noch zur Bildung von Studienkohorten verwendet werden.

 

Das Bateman Horne Center (2025) empfiehlt standardisierte Screening-Fragen, die nach verzögertem Einsetzen („Delayed Onset“), Dauer („Payback Period“), typischen Auslösern und sogenannten Push-Crash-Zyklen fragen. Ein positives Antwortmuster spricht für das Vorliegen von PEM und schließt belastungssteigernde Verfahren aus.

 

Das D-A-CH-Konsensuspapier (Hoffmann et al., 2024) unterstreicht die Bedeutung einer strukturierten klinischen Anamnese und objektiver Parameter. NICE (2021) und IOM (2015) betonen, dass Provokationstests zu vermeiden sind und stattdessen risikoarme, funktionelle Verfahren eingesetzt werden sollen.

 

Die Objektivierbarkeit von PEM ist derzeit nur im Rahmen wissenschaftlicher Studien nachweisbar. Im klinischen Alltag bietet die Kombination aus strukturierter Anamnese und risikoarmen Tests die verlässlichste Erfassung des Phänomens.

 


6. Herausforderungen in der klinischen Erkennung von PEM

In der medizinischen Praxis wird PEM häufig nicht als eigenständiger Mechanismus erkannt. Fehlende Lehrinhalte in medizinischen Curricula und das Fortbestehen aktivierender Behandlungsparadigmen führen dazu, dass PEM häufig mit allgemeiner Fatigue oder Dekonditionierung verwechselt wird.

 

Internationale Referenzdokumente wie das Bateman Horne Center (2025), NICE (2021) und das D-A-CH-Konsensuspapier (Hoffmann et al., 2024) weisen darauf hin, dass die korrekte Identifikation von PEM die entscheidende Voraussetzung für eine valide ME/CFS-Diagnose ist. Insbesondere das BHC betont, dass das Erkennen der verzögerten, disproportionalen und prolongierten Reaktion auf Belastung zentral ist, um Fehldiagnosen und schädliche Therapieansätze zu vermeiden.

 

Das BHC (2025) empfiehlt, klinische Aufklärungsmaterialien und Fallbeispiele in Aus- und Weiterbildung zu integrieren, um das Verständnis der charakteristischen PEM-Muster (verzögert, multisystemisch, dispro-portional, langanhaltend) zu fördern und Fehleinschätzungen im Versorgungskontext zu reduzieren.


7. Sozialmedizinische und therapeutische Relevanz

Für die sozialmedizinische Bewertung ist PEM der zentrale Maßstab. Ohne PEM kann keine ME/CFS-Diagnose gestellt werden. In Deutschland (§ 43 SGB VI), Österreich (§ 255 ASVG) und der Schweiz (Art. 7/28 IVG) ist aus medizinischer Sicht PEM als entscheidender Faktor bei der Einschätzung von Erwerbs- und Rehabilitationsfähigkeit zu berücksichtigen.

 

Aktivierende Programme (GET) oder Verhaltenstherapien mit Belastungssteigerung (CBT), wie sie bei anderen chronischen Erkrankungen eingesetzt werden, sind bei ME/CFS kontraindiziert und können zu anhaltenden oder irreversiblen Verschlechterungen führen (BHC 2025, NICE 2021, IOM 2015, Hoffmann et al. 2024).

 

Ziel einer Behandlung sollte immer der Schutz vor PEM-induzierten Crash-Episoden und die Stabilisierung des Gesundheitszustands sein. Empfohlen werden Strategien des Energiemanagements, insbesondere Pacing und symptomkontingentes Ruhen. Diese sollen helfen, die Belastungsgrenzen einzuhalten und eine physiologische Dekompensation zu verhindern.


8. Diagnostische Objektivierung von PEM

PEM ist durch verschiedene Verfahren objektiv erfassbar. Aufgrund des hohen Risikos schwerer Verschlechterungen sind Provokationstests aus medizinischer und ethischer Sicht kontraindiziert. Die aktuelle internationale Evidenz, darunter das Bateman Horne Center (2025), der D-A-CH-Konsensus (2024), das Institute of Medicine (2015) und die NICE-Guidelines (2021), empfehlen ausschließlich risikoarme Verfahren, die eine funktionelle Erfassung der postexertionellen Reaktion ermöglichen, ohne eine PEM-induzierte Crash-Episode auszulösen.

 

8.1 Fragebogengestützte Verfahren

Der DePaul Symptom Questionnaire PEM (DSQ-PEM) ist das international am häufigsten genutzte Instrument zur Erfassung der Post-Exertionellen Malaise (PEM). Er dient der strukturierten Erhebung typischer Merkmale wie verzögertes Einsetzen, prolongierte Dauer, disproportionale Reaktion und multisystemische Beteiligung (Jason et al., 2015; Cotler et al., 2018).

Der DSQ-PEM ist jedoch ausschließlich ein Screening-Instrument. Er kann eine klinische Diagnose nicht ersetzen,

da Selbstberichte durch Erinnerungsbias, Wahrnehmung oder Tagesform beeinflusst werden können. Internationale Empfehlungen, darunter das NIH Common Data Elements Programm (CDE), das Bateman Horne Center (2025)

und der D-A-CH-Konsensus (2024), betonen deshalb eine zweistufige Diagnostik: zunächst das Screening durch validierte Fragebögen, anschließend die klinische Bestätigung durch strukturierte Anamnese mit Erfassung von Latenz, Prolongation, Disproportionalität und multisystemischen Reaktionsmustern.

 

Wird der DSQ-PEM isoliert verwendet, kann dies zu Fehleinschätzungen führen. In mehreren Studien zeigte sich, dass allein auf Basis des DSQ-PEM gebildete Kohorten zu unspezifisch sind und teilweise auch Personen ohne PEM einschließen. Dies kann den Eindruck erwecken, Rehabilitations- oder Aktivierungsprogramme seien wirksam, obwohl sie bei Patientinnen und Patienten mit nachgewiesener PEM zu einer Verschlechterung führen können.

 

Der DSQ-PEM ist damit ein hilfreiches Werkzeug zur strukturierten Orientierung und Verlaufserfassung, aber kein objektives Diagnoseinstrument. Seine Ergebnisse müssen stets im klinischen Kontext validiert werden, um Fehlinterpretationen zu vermeiden und die pathophysiologische Bedeutung von PEM korrekt abzubilden.

 

8.2 Handkraftmessung (HGS)

Die wiederholte Handkraftmessung (Hand Grip Strength, HGS) ist ein etabliertes, risikoarmes Verfahren zur funktionellen Objektivierung von PEM. Sie ermöglicht die Erfassung von Muskelermüdung und verzögerter Regeneration, ohne eine ausgeprägte Belastung zu provozieren.

 

Studien zeigen, dass bei ME/CFS-Betroffenen die Muskelkraft über mehrere Wiederholungen signifikant abnimmt und eine vollständige Regeneration auch nach 60 Minuten ausbleibt (Jäkel et al., 2021). Diese Reaktionsmuster gelten als objektives Korrelat der postexertionellen Verschlechterung.

 

Das Bateman Horne Center (2025) bestätigt die HGS als geeignetes, risikoarmes Testverfahren, das die Funktionsstörung des Energiestoffwechsels und der muskulären Erholung abbildet. Neuere Arbeiten zeigen zudem Zusammenhänge zwischen verminderter Handkraft, kognitiver Fatigue und Kreislaufdysregulation (Paffrath et al., 2024).

 

Für die korrekte Beurteilung der Ergebnisse ist die exakte Durchführung des Tests von zentraler Bedeutung. Bereits geringfügige Abweichungen im Ablauf, in der Wiederholungszahl oder in der Pausenlänge können die Aussagekraft erheblich beeinflussen und zu einer fehlerhaften Interpretation führen. Eine standardisierte Testdurchführung nach wissenschaftlich validierten Protokollen ist daher unerlässlich.

 

Bei korrekter Anwendung ist der Test nicht durch subjektive Anstrengungsbereitschaft oder Motivation beeinflussbar. Die Messergebnisse sind reproduzierbar und bilden die tatsächliche muskuläre Funktionsfähigkeit objektiv ab.

 

In der sozialmedizinischen Beurteilung kann die HGS als objektivierbarer Hinweis auf die gestörte Regeneration und funktionelle Dekompensation dienen. Sie bietet eine klinisch praktikable Möglichkeit, PEM nachzuweisen, ohne das Risiko einer PEM-induzierten Crash-Episode einzugehen.

 

8.3 Funktionelle Kurzprotokolle

Funktionelle Kurzprotokolle können bei sorgfältiger Anwendung Hinweise auf Belastungsintoleranz und verzögerte Regeneration liefern. Sie sind jedoch ausschließlich bei mild/moderat Erkrankten und unter ärztlicher Aufsicht vertretbar, sofern die Beeinträchtigung durch eine orthostatische Dysfunktion dies zulässt.

 

Zu den am häufigsten verwendeten Verfahren zählt der Sit-to-Stand-Test, bei dem Betroffene wiederholt aus dem Sitzen aufstehen und sich erneut setzen. Studien zeigen, dass dieser Test bei ME/CFS-Betroffenen bereits nach wenigen Wiederholungen deutliche Unterschiede zu gesunden Kontrollgruppen erkennen lässt, insbesondere im Hinblick auf Herzfrequenzanstieg, Muskelfatigue und verzögerte Erholung (Puta, 2025).

 

Das Bateman Horne Center (2025) stuft funktionelle Kurzprotokolle nur dann als geeignet ein, wenn sie keine PEM-induzierenden Belastungen hervorrufen und ein klares Abbruchkriterium definiert ist. Der D-A-CH-Konsensus (2024) weist ebenfalls darauf hin, dass jede Form von Belastungsprovokation mit erheblichem Risiko verbunden ist und daher nicht zur Diagnosesicherung, sondern lediglich zur ergänzenden Funktionsbeobachtung eingesetzt werden darf.

 

Diese Verfahren dürfen ausschließlich mit informierter Zustimmung durchgeführt werden, da sie auch bei geringer Belastung eine PEM-induzierte Crash-Episode auslösen können.

 

8.4 Zweitägige Spiroergometrie (2-day CPET)

Die zweitägige Spiroergometrie (Cardiopulmonary Exercise Test, 2-day CPET) gilt als das empfindlichste wissenschaftliche Verfahren zum Nachweis der post-exertionellen Dekompensation bei ME/CFS. Dabei wird an zwei aufeinanderfolgenden Tagen die Sauerstoffaufnahme (VO₂max), Arbeitskapazität und das anaerobe Schwellenverhalten gemessen.

 

Charakteristisch ist ein reproduzierbarer Leistungsabfall am zweiten Testtag, der ausschließlich bei ME/CFS-Betroffenen auftritt. Gesunde Kontrollpersonen zeigen dagegen eine stabile oder leicht verbesserte Leistungsfähigkeit. Dieser Abfall betrifft insbesondere die VO₂max, die anaerobe Schwelle und die gesamte Arbeitskapazität und weist somit auf eine gestörte aerobe Energiebereitstellung sowie eine unzureichende Erholung hin (Van Ness et al., 2007; Snell et al., 2013; Keller et al., 2014).

 

Das Bateman Horne Center (2025) bezeichnet den 2-day CPET als pathophysiologisch aussagekräftiges, aber klinisch riskantes Verfahren.

 

Der Test liefert eindeutige Belege für den Energie- und Regenerationsdefekt bei ME/CFS, sollte jedoch aus medizinischen und ethischen Gründen nicht in der klinischen Routine oder im Begutachtungskontext eingesetzt werden.

 

Auch der D-A-CH-Konsensus (2024), die NICE-Guidelines (2021) und der IOM-Bericht (2015) raten ausdrücklich vom provokativen Einsatz ab, da selbst einmalige Belastungen anhaltende und irreversible Verschlechterungen auslösen können.

 

Für sozialmedizinische Bewertungen kann der 2-day CPET zwar als Referenznachweis für pathophysiologische Mechanismen herangezogen werden, nicht jedoch als praktisches Untersuchungsinstrument. Er bestätigt, dass eine Leistungssteigerung oder Belastungserprobung im Reha- oder Gutachtenkontext kontraindiziert ist.

 

8.5 Muskelbiopsien und experimentelle Verfahren

Muskelbiopsien liefern direkte Hinweise auf strukturelle und metabolische Veränderungen, die den pathophysiologischen Kernmechanismus von PEM widerspiegeln. Forschungsgruppen zeigen, dass das Muskelgewebe von ME/CFS-Betroffenen nach Belastung deutliche Anomalien aufweist, darunter mitochondriale Fragmentierung, Störungen der Energiehomöostase und eine gestörte Wiederherstellung der Muskelstruktur (Appelman et al., 2024; Wüst, 2025).

 

Diese Befunde belegen eine unzureichende Energiebereitstellung auf zellulärer Ebene und erklären die prolongierte muskuläre Entkräftung nach Aktivität. Diese Veränderungen treten nicht infolge von Dekonditionierung, sondern im Rahmen einer systemischen Regulationsstörung auf, die Energieproduktion, Mikrozirkulation und zelluläre Regeneration betrifft. Experimentelle Ansätze, wie die mechanische Manschettenstimulation (Moreau, 2024), ermöglichen es, PEM-ähnliche Reaktionen unter kontrollierten Laborbedingungen auszulösen, ohne eine körperliche Gesamtbelastung zu erzeugen.

 

Dabei wurden veränderte microRNA-Muster und inflammatorische Signalwege identifiziert, die mit der verzögerten physiologischen Erholung korrelieren. Diese Verfahren gelten jedoch noch als Forschungsinstrumente und nicht als klinische Diagnostik.

 

Insgesamt bestätigen Muskelbiopsien und experimentelle Modelle, dass PEM mit messbaren, reproduzierbaren Veränderungen auf zellulärer und molekularer Ebene einhergeht. Sie stützen die Annahme eines multisystemischen Energieregulationsdefekts, der den Krankheitsmechanismus von ME/CFS bestimmt.

 

Das Bateman Horne Center (2025) verweist auf die zentrale Rolle der Muskelfunktion als klinisches Korrelat des gestörten Energiestoffwechsels.


9. Biologische Evidenz für PEM

PEM ist ein objektivierbarer, multisystemischer Prozess mit nachweisbaren Veränderungen in Energie-, Immun-, Nerven- und Kreislaufregulation. Die Gesamtheit der Forschung belegt, dass es sich dabei nicht um ein unspezifisches oder psychologisches Phänomen, sondern um einen pathophysiologisch fundierten Mechanismus handelt.

 

Internationale Referenzdokumente, darunter der Clinical Care Guide des Bateman Horne Center (2025), der IOM-Bericht (2015) und der D-A-CH-Konsensus (2024), beschreiben PEM übereinstimmend als „pathological response to exertion“, die eine anhaltende Fehlsteuerung physiologischer Systeme auslöst (Hoffmann et al., 2024; Institute of Medicine, 2015; Bateman Horne Center, 2025; millionsmissing.de, 2025).

 

9.1 Muskuläre Veränderungen

Forschungsgruppen, darunter das Team um Rob Wüst, konnten zeigen, dass das Muskelgewebe von ME/CFS-Betroffenen nach Belastung strukturelle und funktionelle Anomalien aufweist. Dazu zählen mitochondriale Fragmentierung, gestörte Energieorganisation in den Muskelfasern und eine unzureichende Wiederherstellung der Muskelhomöostase.

 

Diese Veränderungen verstärken sich nach PEM-induzierten Crash-Episoden und stellen ein direktes biologisches Korrelat der Symptomatik dar. Sie verdeutlichen, dass der zelluläre Energiestoffwechsel instabil ist und bereits geringe Belastungen muskuläre Krisen auslösen können.

 

In einzelnen Studien zeigten Postinfektionskohorten mit PEM ähnliche Muster, was die Konsistenz der Befunde unterstreicht (Appelman et al., 2024; Wüst, 2025; Bateman Horne Center, 2025; millionsmissing.de, 2025).

 

9.2 Energiemetabolismus und mitochondriale Funktion

Zahlreiche Studien weisen auf eine verminderte ATP-Produktion und eine gestörte mitochondriale Regulation hin. Nach Belastung kommt es zu einer weiteren Destabilisierung der Energieproduktion, statt zur Erholung.

 

Goulding et al. (2025) fanden eine enge Verbindung zwischen mitochondrialer Fragmentierung und dem Verlust physischer Kapazität. Liu et al. (2025) identifizierten patientenabgeleitete Immunoglobulin-Komplexe, die mitochondrialen Stress und inflammatorische Signalveränderungen auslösen.

 

Diese Befunde stützen die Annahme, dass PEM eine metabolische Dekompensation darstellt, bei der die Energieproduktion nach Belastung nicht stabilisiert werden kann (Tomas et al., 2017; Goulding et al., 2025; Liu et al., 2025; Bateman Horne Center, 2025).

 

9.3 Immunologische Signaturen

Nach körperlicher oder kognitiver Belastung zeigen sich bei ME/CFS-Betroffenen anhaltende Veränderungen der Immunaktivität.

 

Studien des NIH und von Lipkin et al. (2025) dokumentieren eine verzögerte Aktivierung der angeborenen Immunität und persistierende Zytokinmuster über mehrere Tage. Gil et al. (2023) berichteten über eine Dysfunktion von CD8-T-Zellen, die mit der Schwere der Symptomatik während eines Crashs korreliert.

 

Diese immunologische Überreaktion verlängert Entzündungsprozesse und trägt wesentlich zum prolongierten Verlauf eines Crashs bei. Die Befunde unterschiedlicher Kohorten zeigen konsistent denselben pathophysiologischen Mechanismus (Gil et al., 2023; Lipkin et al., 2025; NIH, 2025; Bateman Horne Center, 2025; millionsmissing.de, 2025).

 

9.4 Kardiovaskuläre und zerebrale Regulation

Studien von van Campen und Visser belegen, dass ME/CFS-Betroffene bei orthostatischer Belastung eine deutliche Reduktion des zerebralen Blutflusses entwickeln – unabhängig von Herzfrequenz oder Blutdruck.

 

Diese verminderte Perfusion verstärkt sich nach Belastung und bildet ein physiologisches Korrelat für PEM, insbesondere für kognitive Symptome wie Reizempfindlichkeit, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen.

 

Das Bateman Horne Center (2025) beschreibt diese Kreislauf- und Perfusionsstörungen als integralen Bestandteil der physiologischen Dysregulation (van Campen et al., 2020; Bateman Horne Center, 2025; millionsmissing.de, 2025).

 

9.5 Neuronale Dysregulation

Bildgebende Verfahren zeigen Veränderungen in Hirnregionen, die für Reizverarbeitung, Aufmerksamkeit und motorische Steuerung relevant sind.

 

Frühere fMRT-Studien identifizierten gestörte funktionelle Konnektivität im Ruhezustand, während neuere Arbeiten eine Aktivierung von Mikroglia nach Belastung belegen.

 

Diese neuroinflammatorische Komponente erklärt die verzögerte Erholung und verlängerte Symptomatik einer Crash-Episode (Kim et al., 2015; Younger, 2025; Puta, 2025; Bateman Horne Center, 2025; Health Rising, 2025).

 

9.6 Systemische Perspektive

Die Gesamtheit der aktuellen Evidenz belegt, dass PEM mit reproduzierbaren biologischen Veränderungen in mehreren Systemen verbunden ist.

 

Diese umfassen Muskel- und Energiestoffwechsel, Immunreaktionen, Kreislaufregulation und neuronale Steuerung. Wüst et al. (2025) verdeutlichen, dass bereits minimale Belastungen pathologische muskuläre Reaktionen mit struktureller Instabilität auslösen. Lipkin et al. (2025) zeigen parallel eine überschießende Immunantwort, die anhaltende Entzündungskaskaden aktiviert.

 

Das Bateman Horne Center (2025) fasst diese Vorgänge als „cumulative physiological dysregulation“ zusammen, die den progressiven Funktionsverlust erklärt.

 

Gemeinsam weisen diese Befunde darauf hin, dass PEM einen systemischen, fehlregulierten Belastungsmechanismus darstellt, der den Kern des Krankheitsgeschehens bei ME/CFS bildet (Wüst 2025; Lipkin et al. 2025; Appelman et al. 2024; Bateman Horne Center 2025; millionsmissing.de 2025).


10. Klinische Implikationen

Die biologische Evidenz zeigt eindeutig, dass PEM ein messbarer, multisystemischer Mechanismus ist. Die Reaktion auf Aktivität führt zu Fehlregulationen in Energie-, Immun-, Nerven- und Kreislauffunktionen, die sich verzögert und kumulativ verstärken.

 

Diese Prozesse erklären die klinische Dynamik von PEM mit zeitversetzter Symptomzunahme, unzureichender Regeneration und langfristiger Funktionsminderung. PEM ist kein einzelnes Symptom, sondern der krankheitsprägende Mechanismus von ME/CFS.

 

Diagnostik und Behandlung müssen sich an diesem Verständnis orientieren, da jede Aktivitätssteigerung oder belastungsorientierte Intervention den pathophysiologischen Prozess verstärken und anhaltende Verschlechterungen auslösen kann.

 

Dieses Prinzip wird übereinstimmend durch internationale Referenzdokumente, darunter der IOM-Bericht (2015), die NICE-Guideline (2021), der D-A-CH-Konsensus (2024) und der Clinical Care Guide des Bateman Horne Center (2025), bestätigt.

 

Therapeutisch steht die Stabilisierung des Zustands im Vordergrund. Ziel ist es, PEM-induzierte Crash-Episoden zu vermeiden und die individuelle Toleranzschwelle konsequent zu respektieren. Empfohlene Strategien sind Energie-Management wie Pacing: strukturierte Ruhephasen und symptomorientierte Aktivitätsplanung, um eine weitere physiologische Dekompensation zu verhindern.

 

Diese Maßnahmen dienen nicht der Steigerung der Belastbarkeit, sondern der Erhaltung der funktionellen Stabilität und des vorhandenen Energiegleichgewichts.


11. Sozialmedizinische Bedeutung

PEM ist das zentrale Kriterium für die sozialmedizinische Bewertung von ME/CFS. Da es den funktionellen Mechanismus der Belastungsreaktion beschreibt, bestimmt PEM das Ausmaß, die Dynamik und die Nachhaltigkeit der Funktionsfähigkeit. Eine verlässliche Einschätzung von Arbeits-, Erwerbs- und Rehabilitationsfähigkeit ist nur möglich, wenn PEM korrekt erkannt und in seiner Wirkung berücksichtigt wird.

 

Der D-A-CH-Konsensus (Hoffmann et al., 2024) legt fest, dass ohne Nachweis von PEM keine valide ME/CFS-Diagnose gestellt werden kann. Entsprechend bildet PEM die Grundlage jeder medizinischen und sozialrechtlichen Beurteilung.

 

Das Bateman Horne Center (2025) betont, dass die funktionelle Beeinträchtigung durch PEM – und nicht Laborparameter – ausschlaggebend für die klinische und sozialmedizinische Bewertung ist.

 

Dokumentationsrelevante Formulierungen wie „Patient meets IOM (2015) criteria with disabling PEM“ verdeutlichen die Bedeutung des funktionellen Nachweises im Begutachtungskontext.

 

In der praktischen Begutachtung ist zu beachten, dass PEM eine verzögerte und kumulative Reaktion darstellt. Die Folgen treten nicht unmittelbar, sondern häufig erst Stunden oder Tage nach Aktivität auf. Standardisierte Leistungs- oder Beobachtungsprotokolle, die nur kurzfristige Belastbarkeit erfassen, bilden das tatsächliche Funktionsniveau nicht adäquat ab.

 

Begutachtungen sollten daher den zeitlich versetzten Verlauf und die anhaltende Symptomverstärkung systematisch berücksichtigen, um die tatsächliche funktionelle Einschränkung realistisch abzubilden (Bateman Horne Center, 2025).

 

Aus medizinischer Sicht ist PEM der maßgebliche Faktor bei der Beurteilung von Teilhabe-, Erwerbs- und Rehabilitationsfähigkeit. Sozialrechtlich ist in Deutschland (§ 43 SGB VI), Österreich (§ 255 ASVG) und der Schweiz (Art. 7 / 28 IVG) sicherzustellen, dass diese medizinischen Zusammenhänge bei Leistungsentscheidungen verbindlich berücksichtigt werden.


12. Therapeutische und rehabilitative Relevanz

Therapeutische Maßnahmen bei ME/CFS müssen sich vollständig am Mechanismus der PEM orientieren. Vorrangiges Ziel ist der Schutz vor PEM-induzierten Crash-Episoden und die Stabilisierung des Gesundheitszustands.

 

Jede Form von Aktivitätssteigerung oder belastungsorientierter Intervention birgt ein erhebliches Risiko und kann anhaltende oder irreversible Verschlechterungen auslösen. Aktivierende oder verhaltenstherapeutische Programme, wie sie bei anderen chronischen Erkrankungen Anwendung finden, sind bei ME/CFS kontraindiziert, da sie dem pathophysiologischen Verständnis von PEM widersprechen.

 

Diese Bewertung wird durch den IOM-Bericht (2015), die NICE-Guideline (2021), den D-A-CH-Konsensus (2024) sowie den Clinical Care Guide des Bateman Horne Center (2025) ausdrücklich bestätigt. Das Bateman Horne Center (2025) betont, dass Graded Exercise Therapy (GET), progressive Rehabilitationsprogramme oder das Austesten von Belastungsgrenzen bei Patientinnen und Patienten mit PEM kontraindiziert sind.

 

Empfohlen wird ausschließlich Pacing mit eingeschränkt strukturierter Aktivitätsplanung, regelmäßigen Ruhephasen und symptomkontingentem Ruhen, um PEM-Reaktionen zu vermeiden. Unterstützende Maßnahmen müssen risikoarm gestaltet sein und dürfen keine Aktivitätssteigerung oder Belastungstests beinhalten. Ein Austesten der individuellen Toleranzschwelle ist strikt kontraindiziert, da jede Überschreitung eine anhaltende oder irreversible Verschlechterung hervorrufen kann.

 

Das primäre Ziel jeder Therapie ist der Schutz vor weiterer Dekompensation. Alle Maßnahmen müssen darauf ausgerichtet sein, die physiologische Stabilität zu wahren und PEM-induzierte Zustandsverschlechterungen konsequent zu verhindern.

 

Dieses Vorgehen entspricht dem aktuellen internationalen Konsens zur sicheren klinischen Versorgung von Menschen mit ME/CFS (NICE, 2021; Bateman Horne Center, 2025; Hoffmann et al., 2024).


13. Gesamtbewertung

Die Post-Exertionelle Malaise (PEM) ist das zentrale und definierende Merkmal von ME/CFS. Sie beschreibt einen klar abgrenzbaren, pathophysiologisch belegten Mechanismus, der den Krankheitsverlauf bestimmt.

 

Belastung führt bei ME/CFS nicht zu Anpassung oder einem Trainingseffekt, sondern zu einer fehlgesteuerten Reaktionskaskade mit gestörter Erholung und messbaren Veränderungen in Energie-, Immun-, Nerven- und Kreislauffunktionen.

 

PEM ist damit der Schlüssel zum Verständnis der Erkrankung, zur korrekten Diagnostik und zur sozialmedizinischen Bewertung. Sie erklärt die Instabilität des Funktionsniveaus, die zeitlich ver-

zögerte Verschlechterung nach Aktivität und das Risiko irreversibler Zustandsverschlechterungen.

 

Alle medizinischen und sozialrechtlichen Entscheidungen müssen auf dem Verständnis dieses pathophysiologischen Mechanismus beruhen. Die internationale Evidenz – darunter das IOM (2015), NICE (2021), der D-A-CH-Konsensus (2024) und der Clinical Care Guide des Bateman Horne Center (2025) – bestätigt, dass PEM objektivierbar, biologisch begründet und klinisch relevant ist.

 

Der Schutz vor PEM-induzierten Crash-Episoden ist daher zentrales therapeutisches und sozialmedizinisches Ziel. Anerkennung und konsequente Berücksichtigung von PEM bilden die Grundlage einer fachgerechten medizinischen Versorgung, einer angemessenen Begutachtung und einer fairen sozialrechtlichen Bewertung von ME/CFS.

 

Erst wenn PEM als messbarer und systemischer Regulationsdefekt des Körpers nach Belastung verstanden und entsprechend behandelt wird, ist eine medizinisch korrekte Einordnung und eine sozialrechtlich faire Bewertung möglich.


14. Literaturverzeichnis

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